Irgendwann im Leben einer Frau kommt der Zeitpunkt, an dem
sie erwachsen werden muss. Bei manchen ist das die Geburt ihres ersten Kindes,
bei anderen der Tod eines Elternteiles.
Ich bin letztes Wochenende erwachsen geworden, bei der Zubereitung eines
Gerichtes namens Coronation Chicken.
Das Rezept begann mit den Worten: "Man nehme ein großes gekochtes
Huhn"
Wie vielen sicherlich bekannt ist, gibt es im Supermarkt keine gekochten
Hühner. Sicherheitshalber schaute ich trotzdem nach. Ohne Erfolg.
Entschlossenen Schrittes näherte ich mich also der Tiefkühltruhe und war
wenige Minuten später stolze und rechtmäßige Besitzerin eines stahlhart
gefrorenen Geflügelkörpers in einer hygienischen Plastikhülle.
Als zu Hause alle anderen Einkäufe sicher verstaut waren, wendete ich meine
volle Aufmerksamkeit dieser Erwerbung zu. Das Huhn sollte nun also gekocht
werden. Mir war schon einmal klar, dass ich einen ziemlich großen Topf
benötigen würde. Damit endeten meine Erfahrungen mit der Zubereitung von
Hühnern, die nicht in Scheiben geschnitten oder als goldbraune
Paniermehl-Kreationen vorlagen.
Sollte ich aber das Wasser erst zum Kochen bringen?
Musste es gesalzen werden oder mussten gar noch weitere Hilfsmittel eingesetzt
werden?
Ist ein Huhn, genau wie ein Ei, mit dem es ja eng verwandt ist, in 5 Minuten
gar?
Ich bin der Meinung, dass man, wenn man vor einer derart verfahrenen Situation
steht, durchaus das Recht hat, seine Mutter anzurufen. Auch wenn man über 30
Jahre alt ist.
Meine Mutter riet mir dringend, zunächst die Verpackung zu entfernen. Das tat
ich und sah mich unversehens mit einer nackten, eiskalten Geflügelleiche
konfrontiert. Egal, wie herum ich das Huhn drehte, es sah in Rücken- wie in
Bauchlage gleichermaßen tot aus.
Durch die Berührung mit der Haut des Kadavers bildete sich bald auch auf meinen
Armen eine Gänsehaut, die der auf den Hähnchenschlegeln erschreckend ähnelte.
Mit gesträubten Haaren und schreckgeweiteten Augen verließ ich die Küche und
überließ das Huhn seinem Schicksal, das zunächst darin bestand, aufzutauen.
Einige Zeit später hörte ich aus der Küche einen Schreckensschrei. Mein Mann
war nach Hause gekommen und hatte nichtsahnend die Küche betreten. Er mit einer
Wasserflasche in der Hand vor dem Kühlschrank. Ich folgte seinem starren Blick
zur Arbeitsplatte und sah das unselige Tier in einer blutigen Pfütze auf dem
Teller liegen. Ich fing die Flasche gerade noch auf und setzte zu einer
Erklärung an. Mein Mann erwies sich jedoch als erschreckend unkooperativ.
"Ist mir egal, was daraus wird. Er zeigte auf das tote Huhn "Das da
esse ich nicht, egal was du drüberschüttest." Ehrlich gesagt, konnte ich
mir zu diesem Zeitpunkt auch nicht vorstellen, etwas von dem Vogel in den Mund
zu stecken. Es wurde Abend, das Huhn war so gut wie aufgetaut, aber ich wollte
den Rest des Abenteuers lieber auf den nächsten Morgen verschieben. Daher
stellte ich den Teller mit dem Körper in den Kühlschrank, wo es in
Gesellschaft anderer weniger grauenerregender Lebensmittel die Nacht verbringen
sollte. Mein Mann entdeckte es dort und meinte verunsichert "Meinst du, das
ist so ok?" Ich zuckte die Schultern. "Es wird schon nicht an deinen
Nussjoghurt gehen."
"Sicher ist sicher!" sagte mein Mann und stellte seinen Joghurt in ein
anderes Fach.
Am nächsten Morgen steckte ich das Huhn aufrecht stehend in den Spargeltopf.
Das war der einzige Topf, in den es hineinpasste, ohne neckisch über den Rand
zu lugen. Ich bedeckte es mit Wasser und gab reichlich Salz dazu. Das Huhn
tauchte immer wieder auf. Von Bleigewichten an Hühnerleichen hatte ich aber
noch nie etwas gehört. So kam ich zu dem Schluss, dass es wohl in Ordnung sein
müsste. Nach einer halben Ewigkeit, begann das Wasser zu kochen und ein
ziemlich leckerer Geruch zog durch unsere Wohnung. Selbst mein Mann begann das
Huhn plötzlich mit ganz anderen Augen zu sehen.
Meine Mutter hatte die Zeit, bis so ein Tier durch ist, ganz exakt angegeben:
"Bis es eben gut ist, das merkt man dann".
Ich saß im Wohnzimmer, eine dreiviertel Stunde war um, ich merkte gar nichts.
Daher ging ich in die Küche, und stach mit einer Gabel an vielen Stellen in das
Huhn. Es fühlte sich jetzt nicht mehr wie ein rohes, sondern wie ein gekochtes
Huhn an. Sicherheitshalber ließ ich es noch eine Weile weiterköcheln. Nach
etwa einer Stunde wollte ich es endlich herausholen. Ich packte es an einem
Bein. Das Huhn wog mehr als ich dachte. Ich zog noch etwas kräftiger und hatte
plötzlich eine Hühnerkeule in der Hand. Der Rest des Huhnes rutschte mit einem
Platsch zurück ins Wasser. Ich schloss die Augen, atmete tief durch, griff mir
ein paar Werkzeuge und hievte das nun leicht verstümmelte Viech aus dem Topf.
Eine Stunde im kochenden Wasser und immer noch Gänsehaut! Und genau die sollte
ich, laut meiner Mutter, noch im heißen Zustand entfernen. Ich nahm ein
scharfes Messer und ging ans Werk. Ich fühlte mich wie Jack the Ripper. Nur
dass Jack the Ripper sich sicher nicht ständig an seinen Opfern die Finger
verbrannte.
Mein Mann näherte sich uns, dem Huhn und mir, von hinten. Er schaute mir mit
einer Mischung aus Grauen und Lust, mit der manche Leute Verkehrsunfälle
begaffen, über die Schulter. " Huuuuu" sagte er und schüttelte sich.
Er konnte aber die Augen nicht von der mittlerweile gehäuteten Hühnerleiche
wenden. Ich wedelte mit einem Stück der schwabbeligen Haut vor seinem Gesicht
herum, so dass er fluchtartig den Ort des Geschehens verließ. Trotzdem musste
ich ihm ganz und gar zustimmen. "Huuuuu" war wirklich treffend. Mit
diesem Wort warf ich die Haut in den Mülleimer und ließ das Tier zum Abkühlen
alleine.
Das Schlimmste stand aber meiner Meinung nach noch bevor: Das Zerfleddern des
Huhnes in mundgerechte Häppchen. Um meine Nerven zu beruhigen suchte ich
Ablenkung vor dem Fernseher. Als ich gerade ganz vertieft in eine dieser
wirklich anspruchsvollen Talkshows auf der Couch saß, und zuhörte, wie Mütter
mit ihren Töchtern darüber diskutierten ob man mit 12 schon die Pille
bräuchte, kam mein Mann aus der Küche. Er kaute! "Schmeckt gar nicht so
übel" sagte er. "Was schmeckt nicht übel?" Ich dachte, er macht
einen seiner makaberen Witze und stürzte in die Küche. Das Huhn war auf den
Rücken gedreht worden und ein Stück Brustmuskel fehlte. Schon griff mein Mann
wieder zu seinem Tatwerkzeug, einer gewöhnlichen Gabel. Er wollte sich erneut
an dem gehäuteten Geflügelkadaver zu schaffen machen. Mir sträubten sich die
Nackenhaare. "Igitt, du Ungeheuer, wie kannst du das nur essen?" Mein
Mann zuckte nur die Schultern. "Schließlich willst du das heute Abend
unseren Gästen vorsetzen. Die sollen es ja auch essen."
Seine Argumentation war nicht völlig von der Hand zu weisen. Vielleicht würde
es unseren Gästen auffallen, wenn ich meine eigene Kreation nicht anrührte.
Ich kniff also die Augen fest zu und nahm den dargebotenen Happen von der Gabel.
"Hmmmmmm" Tatsächlich, es schmeckte ziemlich gut.
Ich vergaß die keifenden Teenager und ihre Mütter, die im Fernsehen
mittlerweile im Stadium des gegenseitigen Anspuckens angelangt waren und machte
mich daran, das Hühnerfleisch abzupräparieren. Nach einer Weile verlor ich
meine anfänglichen Hemmungen. Ich ließ mein Operationsbesteck fallen und ging
mit bloßen Händen zu Werke. Am Rumpf hatte das Tier jetzt eine ziemlich
angenehme Temperatur. Die Füße waren jedoch schon ziemlich kalt.
Bald häufte sich auf einem Teller appetitliches weißes Fleisch. Der Rest des
Huhnes, das gestern noch so adrett in der Tiefkühltruhe gelegen hatte, sah
jedoch immer desolater aus. Die leckeren Häppchen mussten vor den immer
gierigeren Attacken meines Mannes geschützt werden. Deshalb stellte ich ihm
eine Frage, die ihm den Appetit verderben sollte: "Erinnerst du dich noch
an die Ausstellung ‚Körperwelten' mit den präparierten Leichen?" Doch
bei dem Menschen, der mir das Jawort auf Lebenszeit gegeben hatte, hatte
inzwischen die blanke Gier über jede ästhetische Grundhaltung gesiegt. Er warf
einen abschätzenden Blick auf den Teller mit dem Skelett und meinte:
"Stimmt, sieht so ähnlich aus." Mit diesen Worten verschwand das
nächste Stück Huhn in seinem Mund. Ich musste wohl deutlicher werden.
"Ich wette, die Präparatoren haben nicht ständig genascht." Die
Kiefer meines Mannes erstarrten. "Du Ekel!" Meine zugegebenermaßen
etwas brutale Strategie hatte gewirkt. Das Hühnerfleisch war immerhin solange
sicher, bis ich meinen Salat fertig hatte.
Als ich meine verfressenere Hälfte später bat, den Müll wegzubringen,
überlegte er, ob wir das Gerippe nicht in der Mitte des Esstisches aufbauen
sollten. Er wäre auch bereit, jedem, der Fragen zur Anatomie des Huhnes hätte,
Rede und Antwort zu stehen. Wir einigten uns dann aber doch darauf, das
Beinahe-Kunstwerk fachgerecht zu entsorgen.Der Geflügelsalat mit dem
wunderschönen Namen Coronation Chicken war der Hit des Abends. Die Schüssel
leerte sich in rasender Geschwindigkeit, sehr zum Leidwesen meines Mannes. Als
sich einer unserer Freunde der fast leeren Schüssel mit ziemlich eindeutigen
Absichten näherte, fragte mein Angetrauter ihn plötzlich: "Erinnerst du
dich noch an diese Ausstellung in Mannheim, wo wir zusammen die Leichen
angeguckt haben?" Unser Bekannter blieb etwas verwirrt stehen. Ich stieg
dem Mann, mit dem ich Tisch und Bett teile, mit dem Absatz meines hochhackigen
Schuhes auf die Zehen. Er sog zischend die Luft ein. "Ja ich erinnere mich.
Ziemlich schaurige Angelegenheit, aber sehr interessant. Was ist damit?"
Unser Freund kratzte den letzten Rest des Geflügelsalates aus der Schüssel auf
seinen Teller. "Genial, das Zeug. Ich muss das Rezept haben." Dann
wendete er sich wieder meinem Mann zu, der plötzlich sehr unglücklich wirkte.
"Was wolltest du gerade sagen, wegen der Ausstellung in Mannheim?" Ich
knallte meinem Ehepartner den Ellenbogen zwischen die Rippen, so dass er die
eingesaugte Luft wieder ausstieß. "Nichts," sagte mein Mann.
"Ist mir einfach so eingefallen. " Er nahm sich etwas Tzaziki
"Ich weiß auch nicht wie ich darauf gekommen bin."
Als wir abends nach der Party die Küche aufräumten, dachte ich über die
letzten zwei Tage nach. Mit der Zubereitung eines Tiefkühlhühnchens hatte ich
den Sprung in die wirkliche Erwachsenenwelt geschafft. Auf der Einkaufsliste
für den nächsten Tag notierte ich mir einen Schweinerollbraten.
Man nehme ein großes gekochtes Huhn entferne die Knochen
Das Fleisch wird in mundgerechte Stücke zerteilt
Dann rührt man eine Soße aus folgenden Zutaten zusammen:
300 g Salatmayonnaise
200 g Aprikosenkonfitüre
1-2 Esslöffel Currypulver
200 ml süße Sahne
Die Sahne wird zum Schluss untergezogen.
Die Soße wird mit dem Hühnerfleisch vermengt.
Das Ganze sollte im Kühlschrank mindestens 1-2 Stunden durchziehen.
Bei meiner privaten Variante kommen vor dem Durchziehen noch zwei Dosen
Spargelabschnitte und eine Dose kleine Champignon-Köpfe dazu, dann wird es
etwas leichter.
Guten Appetit!