Wasser, Wasser überall! Es drang unaufhaltsam in die
Gänge vor und flutete die Kammern in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Seine
Frau stürzte mit einem Jungen - gerade vor ein paar Tagen geboren - an die
Oberfläche. Bevor Maulwurf Max sie zurückhalten konnte, verschwand sie wieder
im Bau. Ihre Hinterpfoten waren das letzte was Max jemals von ihr sah. Sie
tauchte nicht mehr auf, ertrank mit dem Rest des Wurfes irgendwo dort unten,
unter dem Rosenbeet. Mutterliebe hatte sie umgebracht. Nein, das war falsch
Berthold Schmidt hatte sie umgebracht. Mara und die Kinder.
Max schnüffelte ratlos an dem geretteten Jungtier. Es war noch zu jung zum
überleben. Trotzdem blieb er in seiner Nähe. Schon bald begann es mit der
Schnauze suchende Bewegungen zu machen und zu fiepen. Max fürchtete, dass man
auf ihn aufmerksam würde. Er schleppte das zitternde Bündel mit sich aufs
Nachbarfeld. Doch er wusste instinktiv, dass er nichts dafür tun konnte
Das Fiepen und Zucken hörte erst nach 2 Tagen auf. Max war erleichtert, als es
zu Ende war.
Berthold Schmidt war ein Ästhet. Er liebte das makellose
Grün einer perfekten Rasenfläche, die exakten Formen des gestutzten
Buchsbaumes und die aufeinander abgestimmten Farben der mit Bedacht ausgesuchten
Blumen und Stauden.
Berthold tanzte im Gegensatz zu vielen seiner Geschlechtsgenossen gerne. Einige
Tage nachdem das Jungtier auf dem Acker nebenan verendet war kamen Schmidts
spätnachts von einem Ball zurück. Der sonst so korrekte Hausherr hatte einen
ziemlichen Schwips. Beim Anblick des von ihm so gut wie wieder hergestellten
Rasens machte er in seinem schwarzen Anzug ein paar Walzerschritte in Richtung
Rosenbeet. Ohne Frau Schmidt allerdings, denn die wollte nicht mit den Absätzen
im Boden stecken bleiben. Aber dennoch bewegte er sich in tadelloser Haltung und
mit soviel Anmut, wie es bei einem angetrunkenen, walzertanzenden Hobbygärtner
eben möglich ist. Das Mondlicht beschien die Szene. Im Schatten der Thujahecke
vibrierten ein paar Schnurrhaare. Ungesehen von den beschwipsten Schmidts
verschwand ein walzenförmiger kleiner Körper Richtung Nachbarfeld.
Jener Tag im Frühsommer hatte Max sehr verändert. Er
konnte sich nicht mehr an einem fetten Regenwurm erfreuen. Er fand einfach
keinen Frieden, soviel er auch grub. Und er grub wie ein Besessener. So entstand
auf dem Acker gleich neben Schmidts Garten ein wahrer Prachtbau. Mehrere
wunderbare Schlafhöhlen schuf er, eine perfekte Belüftung und eine schier
unendliche Zahl von Notausgängen. So reihte sich Haufen an Haufen. Solange das
Getreide stand, störte sich niemand daran.Doch Max war tief in seinem Inneren
verstört. Häufig träumte er vom Gurgeln des Wassers. Mit lautem Quietschen
fuhr er aus dem Schlaf hoch. Beim Jagen stieß er sich ständig die Nase an den
Wänden des Baues, weil er so unachtsam war.
Dann tauchte Muriel auf, ein junges Weibchen mit glänzend schwarzen Fell, das
sein Stummelschwänzchen kokett schwenkte. Max wollte sich eigentlich nicht mit
ihr einlassen, aber sie blieb in seiner Nähe und setzte provozierende
Duftmarken an den Rand seines Reviers.
Nichts schien sie zu stören, nicht die grauen Haare um seine Schnauze und auch
nicht das halbabgerissene Ohr. Noch nicht einmal die Narbe am Hinterlauf, ein
Souvenir von Schmidts Katze, die allerdings vor zwei Jahren überfahren worden
war.
Der Sommer schritt fort, und die Instinkte, die Hormone oder auch Muriels
Verführungskünste siegten über Maxens Abwehrhaltung. Mitte Juli hörte man
das Fiepen neugeborener Jungtiere aus dem Bau auf dem Acker. Beim Anblick der
hilflosen kleinen Wesen kamen all die Erinnerungen wieder in ihm hoch. Er
begann, am ganzen Körper zu zittern und rannte aus dem Bau. Von diesem Tag an
wurde er richtig seltsam. Er war regelmäßig für längere Zeit unterwegs.
Muriel versuchte oft, herauszubekommen, wo er gewesen war. Sie beschnupperte ihn
auf der Suche nach Duftspuren, die ihr Auskunft geben könnten. Doch Max rollte
sich nur mürrisch grunzend in einer Ecke des Baus zusammen und fiel in den
Tiefschlaf eines hart arbeitenden schon etwas älteren Maulwurfes.
Anfang August war sein geheimes Werk beendet. Max hatte
alles so gut vorbereitet, dass eigentlich nichts schiefgehen konnte. Trotzdem
raste sein Maulwurfsherz wie verrückt und all die schrecklichen Erinnerungen
kamen zurück. Er hörte wieder Maras Keuchen, als sie zum allerletzten Mal in
den Bau gerannt war und auch das Röcheln des verdurstenden Babys. Noch einmal
lief ein Schauer über das zerzauste Fell. Doch dann schüttelte Max die
furchtbaren Bilder ab. Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen und etwas für
die Zukunft zu tun. Entschlossen streckte er seine rosa Nase in die Luft und
machte sich auf den Weg zum alten Bau in Schmidts Garten.
So, jetzt ist endgültig Schluss mit den verdammten Viechern, dachte Berthold
Schmidt. Er rollte den Gartenschlauch ab und steckte ihn in den freigelegten
Ausgang des Baues. Zuvor hatte er all die anderen Löcher in seinem Rasen –
oder besser dem, was Max in der letzten Nacht davon übriggelassen hatte, mit
schweren Steinplatten verschlossen. Das hatte eine ganze Weile gedauert, denn
Max hatte in wenigen Stunden fast dreißig Hügel im kurz geschnittenen Gras
hochgeschoben. Neckisch saßen die schwarzbraunen Kegel aus krümeliger Erde auf
dem liebevoll gepflegten Grün. Schmidt raste vor Wut. Diesmal entkommt mir
keines von den Biestern, schwor er sich. Während er das Wasser aufdrehte,
verschwand ein samtiges schwarzes Etwas mit einem Stummelschwanz in einem Gang,
der unter einem Hortensienbusch, ganz nah an der Hauswand, mündete. Diesen Gang
hatte der Mensch übersehen, denn er war nur von etwas Laub bedeckt und machte
nicht mit einem der typischen Haufen auf sich aufmerksam. Schnell hatte Max sein
Ziel erreicht. Er näherte sich vorsichtig der Stelle, an der er das Kabel
entdeckt hatte. Nur wenige Zentimeter über dem Boden verlief es unter dem Putz.
Max zerrte energisch an dem grauen Kunststoff und mied instinktiv das rötlich
glänzende Ende. Er hatte eigentlich schon gute Vorarbeit geleistet, aber
trotzdem kostete es eine enorme Kraft, das Kabel dorthin zu bringen, wo er es
haben wollte. Er wusste nicht viel über Menschenbaue und was sich darin befand,
aber er spürte, wie sich sein Fell sträubte, wenn er in die Nähe des blanken
Metalles kam, das vorne aus dem Kunststoffmantel hervorschaute. In seinen
Schnurrhaaren tat es richtig weh, doch er widerstand dem Drang, das Weite zu
suchen. Instinktiv tat er, was getan werden musste um sein Werk zu beenden.
Das Wasser stand schon halbhoch in dem versteckten Gang, als Max schnaufend und
grunzend vor Erschöpfung durch die Thujahecke verschwand.
Schmidt war sich ganz sicher, dass sein Projekt von Erfolg gekrönt sein
müsste. Selbstzufrieden zog er den Schlauch aus dem Bau und legte auch auf
diesen Ausgang eine Steinplatte.
Er würde noch 1-2 Tage warten, bevor er die Platten wegnähme. Er wollte ganz
sicher sein.
Leise pfiff er den Donauwalzer und wippte im Dreivierteltakt, während er über
den Rasen ging. Da erfassten seine Augen eine Ansammlung von totem Laub neben
der Tellerhortensie. Seine Brauen zogen sich irritiert zusammen. So etwas! Das
würde er gleich wegfegen.
Während er nach dem Absperrhahn gleich neben dem Busch griff, nahm er gerade
noch ein seltsames Knistern wahr. Und dann begann der letzte und skurrilste Tanz
seines Lebens.