Ich behaupte es ja immer wieder: Man kann nur Muttermilch
produzieren ODER klar denken. Unsere Nachbarn sind im Winterurlaub und haben mir
ihre Wohnungsschlüssel gegeben, daß ich mal die Blumen gieße, etc. Besonders
viel liegt unserer Nachbarin daran, daß ich die Vögel in ihrem Vogelhäuschen
weiter füttere. Ich bin zwar der Meinung, daß das bei der momentanen Witterung
gar nicht nötig ist, aber sie wäre bestimmt traurig, wenn die Vögel nach
ihrem Urlaub nicht an den gewohnten Platz zurückkehren.
Ansonsten muß ich mich um nichts kümmern, eine Zeitschaltuhr knipst
Lichter an und läßt die Rollos runter. Ich tapse also gestern nachmittag
hinüber, nehme mir den Eimer mit dem Vogelfutter und gehe über die
Wohnzimmerveranda in den Garten. Als ich gerade Meisenknödel drapiere und so
eine Art Müsli in das Häuschen schaufle, höre ich ein Geräusch und da fahren
auch schon die Rollos runter.
Nun glaubt bitte nicht, daß ich mich als Stuntfrau betätigt habe und mit einem
Hechtsprung unter dem Rollo durchflutschte. Nein, ich stand viel mehr mit
heruntergeklapptem Unterkiefer, dämlichem Gesichtsausdruck und einem
Meisenknödel in der Hand da und sah zu, wie ich ausgesperrt wurde. Der
Schlüssel zu dieser Wohnung lag natürlich drinnen auf dem Küchentisch.
Nun zu einem zweiten Problem. Der Garten ist abgeschlossen. Man kommt durch ein
Tor rein, zu dem wir zwar einen Schlüssel haben, der aber befand sich beim Jo.
Jo wiederum war in einem Zimmer, dessen Fenster in UNSEREN Garten gehen.
Immerhin geht unser Küchenfenster in Nachbars Garten. Ich suchte mir also ein
Stöckchen und klopfte an das Fenster und rief. Zunächst nicht allzu laut, denn
wer will schon in einer solchen Situation von den anderen Nachbarn gesehen
werden. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich von Jo erlöst wurde.
Heute Morgen um 10 vor 7 hörte ich in der Wohnung nebenan den Rollo hochgehen,
zog Schlappen und eine Jacke über den Pyjama an und sauste ums Haus herum in
Nachbars Garten. Ich schloß die Verandatür und begab mich durch die
Wohnungstür zurück ins Treppenhaus. Inzwischen war unsere Wohnungstür
zugefallen. Leider hatte ich es nicht für nötig befunden, unseren eigenen
Schlüssel mitzunehmen.
Da stand ich nun, in Birkis ohne Socken, einer grünen Jacke über der
blaugestreiften Schlafanzughose, total verstrubbelt und im Gesicht einen
einigermaßen irren Ausdruck. Im ersten Stock hörte man, wie die Nachbarin den
Mantel anzog. Jeden Moment würde sie zur Arbeit gehen. Also hab ich Jo aus dem
Bett geklingelt (er hat Urlaub). Heute muß ich mich wahrscheinlich den ganzen
Tag wie eine Bekloppte behandeln lassen.