Parenting

Seit Jahren, ja Jahrzehnten kann man den Trend zu immer anspruchsvolleren Extremsportarten beobachten. So hat sich zum Beispiel aus dem gewöhnlichen Alpinski das Helikopterskiing entwickelt. Aus dem Bergsteigen wurde das Freeclimbing. Bei diesen Freizeitbetätigungen kam es in allererster Linie darauf an, an die Grenzen der physischen Leistungsfähigkeit zu gehen. In einer Generation, für die körperliche Fitneß jedoch mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit geworden ist, setzen sich nun immer stärker Sportarten durch, bei denen extremer Nervenkitzel im Vordergrund steht. So gewinnt Fallschirmspringen zunehmend an Popularität. Seit einigen Jahren gehört nun das Bunjeejumping zum guten Ton. Vor dem Sprung von Türmen und Autobahnbrücken rast der Puls in die Höhe, das Adrenalin wird in unglaublichen Mengen durch den Körper gepumpt. Man sollte nicht glauben, daß diese Tortur für Leib und Seele noch gesteigert werden kann Die gutverdienenden, austrainierten Anfangs- und Mitdreißiger suchten dennoch immer neue Herausforderungen der Superlative. Den Kick des Bunjee-Jumping zu einer Ausdauersportart zu machen, das war das erklärte Ziel der Extremsportgemeinde. Nervliche Anspannung bis an die Grenzen der Panik und auch darüber hinaus war gefragt. Dies durch Ausdauertraining über Tage, ja Wochen zu ertragen, wurde gefordert. Eine neue Sportart für die schier Wahnsinnigsten wurde erfunden. Das ”Parenting” - Urlaub mit den Eltern- war geboren. Wer ist nun für das Parenting geeignet? Nur wer mindestens 10 Jahre einen eigenen Haushalt geführt hat, Unabhängigkeit errungen und genossen hat, ist für diese Herausforderung der Superlative geeignet und wird voll auf seine Kosten kommen.
Voraussetzung ist auf jeden Fall absolute körperliche Fitneß. Bevor man mit diesem Extremsport beginnt, sollte man sich zunächst einmal beim Hausarzt durchchecken lassen. Nur wer ein kerngesundes Herz-Kreislauf-System hat, sollte sich auf die Belastungen des Parenting einlassen. Hat man das erst einmal sichergestellt gibt es noch eine weitere Hürde zu überwinden. Auch die Psyche muß, das kann man sich wohl denken, absolut stabil sein. Wer mit dem Parenting beginnen will, muß folgende Fragen durchweg und ohne zu zögern mit nein beantworten können.
Fürchten sie peinliche Situationen?
Neigen sie unter Streß zu unkontrollierbaren Reaktionen?
Hatte ihr Partner/ihre Partnerin nach einem Streit schon einmal Würgemale am Hals?
Sind sie wegen einer Affekthandlung vorbestraft?
Wer sich nicht ganz sicher ist, sollte auf jeden Fall ein psychologisches Gutachten einholen. Ist dies erfolgt, kann man mit dem leichten Training beginnen.
Besuchen sie zunächst ihre Eltern einmal wöchentlich. Halten sie sich mindestens 2 Stunden bei ihnen auf. Steigern sie die Dosis langsam auf 4-5 stündige Besuche, und bleiben sie dann auch einmal über Nacht. Wichtig ist, daß man immer den eigenen psychischen Zustand kontrolliert. Haben sie am Tag nach den Besuchen das Bedürfnis Möbel zu zertrümmern oder Weinkrämpfe, die länger als 4 Stunden anhalten, muß das Training vorsichtiger erfolgen. Häufen sich durch aggressive Fahrweise verschuldete Autounfälle auf dem Heimweg muß noch etwas mit dem ersten Full-Kombat-Parenting, sprich dem ersten gemeinsamen Urlaub gewartet werden.
Weitere Alarmsignale sind auch, wenn sie die Augen nicht mehr von dem Messerblock in Mutters Küche wenden können oder sich magisch von dem Balkongeländer im zehnten Stock angezogen fühlen. Dann muß man eventuell auch mal ein Wochenende mit dem Training aussetzen und statt dessen Joggen gehen. Mit etwas Geduld und eisernem Willen ist es dann irgendwann so weit. Es geht los. Es muß dringend dazu geraten werden, zunächst nicht länger als eine Woche zusammen mit den Eltern zu verreisen. Auch wenn es sich nur um einen Elternteil handelt oder bereits Extremsporterfahrung vorhanden sind, sollte man diese Grenze zunächst nicht überschreiten. Auch austrainierte Bodybuilder sind schon nach 10 Tagen mit Mutti völlig zusammengebrochen. Die Belastungen dieser Sportart werden einfach zu häufig unterschätzt.
Hinzu kommt, daß es beim Parenting keine Aufwärmphase gibt. Bereits am Flughafen kann schon die ganze Körperbeherrschung gefragt sein. Hat man zunächst einmal Mutters Reise-Ensamble aus rotem Pullover, pinkfarbener Strickjacke und dem Wintermantel in türkisgrün einigermaßen verdaut und auch Vaters Eau de Toilette (endlich weiß man warum das so heißt) halbwegs verdrängt, nähert sich mit dem Check In bereits eine erste Zerreißprobe. Zunächst einmal steht man in einer Schlange. Mutter beginnt hektisch auf die Uhr zu schauen und zündet sich die erste Zigarette an. Das Rauchverbot in dieser Zone kommentiert sie mit dem Zeigefinger an der Stirn. Der nichtrauchende Sportler bekommt Atemnot. Danach wird die kardiovaskulare Belastbarkeit erprobt. Vater verfolgt mit den Blicken jedes weibliche Wesen unter 60 und überfährt deshalb mit dem Gepäckwagen den Yorkshireterrier der Vorderleute.
Kaum hat man das überstanden, bekommt man gerade noch mit, daß die eigene Mutter das Mädchen hinter dem Counter bestochen hat. Eigentlich wäre die Rauchersektion schon voll gewesen. Die fünfzig Mark waren ihr die 3 Plätze wert. Sie schaut sehr zufrieden drein. Das Argument, daß man selbst noch nie geraucht hat und Vater vor 30 Jahren aufgehört hat und zudem ganz furchtbar unter Bronchitis leidet, wird im besten Falle ignoriert. So sitzt man nun 3 oder vier Stunden eingehüllt in blauen Dunst. Dies ist nicht ganz und gar ein Nachteil. Man kann versuchen, sich in den Qualmwolken unsichtbar zu machen, wenn Mutter außer den Pfeffer- und Salztütchen auch das Besteck und das der Sitznachbarin in der Handtasche verschwinden läßt. Man kann Augenbrennen vortäuschen und eben diese fest zukneifen, wenn Vater den verschmähten Nachtisch des Mannes in der Reihe vor ihm aufißt und interessiert über die Sitzlehne nach hinten lugt. Da dort alles aufgegessen wurde, wird Vater ein wenig mißmutig sein und solche Dinge wie “verfressenes Pack” murmeln. Und dies, man wird halt etwas schwerhörig im Alter, nicht allzu leise. Wenn sie es nicht ertragen können, daß der liebe Papa sich das Genick ausrenkt, weil eine Stewardeß im kurzen Uniformrock sich über den spuckenden kleinen Jungen jenseits des Ganges beugt, dann hilft nur eins. Halten sie ihre Eltern von den Gangplätzen fern. Das hat allerdings den Nachteil, daß sie Mama etwa fünf mal pro Stunde vorbeilassen müssen. Der Kaffee im Flugzeug ist nun einmal umsonst und Koffein regt die Nieren an. Sie haben die beiden jedenfalls besser unter Kontrolle.
Am Zielort angekommen, kann es eine kurze Verschnaufpause geben, wenn sie ihre Mutter davon überzeugen können, daß sie durchaus in der Lage sind, ihre Koffer alleine auszupacken. Machen sie jedoch nicht den Fehler, zu behaupten, sie seien von der Reise erschöpft und möchten sich eine Stunde ausruhen. Man wird ihnen Fieber messen, Aspirin einflößen und ihnen für den Rest des Urlaubs Mutters pinkfarbene Strickjacke verordnen.
Dank Satellitentechnologie kann man heutzutage fast überall deutsche Fernsehen empfangen. Beim ersten gemeinsamen Fernsehabend ist nun mentale Stärke gefragt. Machen sie sich keine Illusionen über ihren Einfluß auf das Fernsehprogramm. Was auch immer passiert, lassen sie es einfach geschehen. Sitzen sie aufrecht, bleiben sie entspannt im Hier und Jetzt und was auch immer geschieht, atmen sie um Himmels Willen weiter. Für Volksmusik-Programme empfehle ich die mentale Formel “Ich bin ganz weit weg”. Machen sie sich von Anfang an klar, daß sie innerhalb der nächsten Tagen unter keinen Umständen erfahren werden, wie ein Tatort ausgegangen ist. Entweder es wird rechtzeitig umgeschaltet zu Dr. Frank oder aber ihre Eltern werden die Lebensgeschichte der Schauspieler diskutieren. Da einer der beiden den betreffenden Schauspieler immer mit einem anderen verwechseln wird, wird die Diskussion so angeregt sein, daß sie keinen Ton mehr verstehen. Denken immer sie daran: einatmen – ausatmen...! Sollte ein Film tatsächlich so spannend sein, daß die Diskussion ausbleibt, wird ihre Mutter den Apparat irgendwann ausschalten, weil sie der Meinung ist, daß solche Filme zu aufregend und damit der Erholung abträglich sind. Nun gehen die Eltern im besten Falle zu Bett. Es kann jedoch ein besonderer Ernstfall eintreten: Das gemeinsame Würfelspiel. Nach einigen überstanden Fernsehabenden ist das in der Regel eine angemessene Steigerung der Belastung. Am ersten Abend jedoch besteht die Gefahr, daß es zu viel für sie wird. Machen sie vorbeugend auf der Toilette einige Yogaübungen. Schauen sie in den Spiegel und sagen sie sich selbst dreimal ganz langsam: “Ich schaffe das!” Folgende Dinge sollten ihnen noch aus ihrer Kindheit bekannt sein:
1. Mutter bestimmt was gespielt wird, wie gespielt wird und wie lange gespielt wird.
2. Vater schummelt niemals wirklich mit Absicht.
3. Es ist keine gut Idee sich über einen Sieg zu sehr zu freuen, wenn Mutter noch nicht mindestens zweimal gewonnen hat.
 
Ganz feste Regeln gibt es auch für die Mahlzeiten. Und sie ähneln denen für Spieleabende sehr:
1. Mutter bestimmt wann was und wieviel gegessen wird, und sie weiß unter allen Umständen besser, was man mag als man selbst.
2. Vater darf essen wie er will, er darf sich auch mit den Fingern direkt aus der Schüssel bedienen, diese ablecken und wieder hineinlangen.
3. Sie dürfen das auf keinen Fall
4. Es ist keine gute Idee, mit der Gabel nach Mutter zu stechen, wenn sie ihnen bei 35° den vierten Kartoffelkloß auf den Teller packt.
Auch hier gilt die Universalregel: Ruhe bewahren, weiteratmen.
Man könnte über das Parenting ein ganzes Buch schreiben. Aber als Sportart für echte Abenteurer ist natürlich eines klar: Jeder muß seine Erfahrungen selbst machen. Und gerade die Unberechenbarkeit der Situation trägt erheblich zum Nervenkitzel bei. Wenn sie glauben, daß es überhaupt nicht mehr weitergeht, führen sie sich folgendes zu Bewußtsein: Sie sind privilegiert. Parenting kann sich nicht jeder leisten. In einer ausgesprochen materialistischen Gesellschaft, in der man sich beinahe alles kaufen kann, stellen Eltern als Sportgerät eine gewisse Exklusivität sicher. Bisher kann man weder Mütter noch Väter kaufen und auch die erlesensten Sportclubs haben noch keine Eltern im Verleih.