Schreie

 Der Schrei verhallt. Er ist schrill gewesen, wie in höchster Todesnot. Ich erkenne, wer da geschrieen hat, und mein Magen scheint sich plötzlich aufzublähen wie ein Luftballon. Nun auch er, der letzte, der mir noch geblieben war. Alle haben sie geschrieen, und dann waren sie weg – einfach weg.

Sonst habe ich immer geweint, wenn wieder jemand schrie. Jetzt aber begreife ich, daß das nichts mehr nützt. Da ist niemand mehr, der mich noch trösten könnte. Da ist niemand, der mit mir um alle die weinen könnte, die schon dran waren. Als wir noch Radio hatten – wie lange ist das her? Wochen? Monate? – als wir noch Radio hatten, wußten wir, daß alle, die um uns weinen könnten, schon lange damit aufgehört hatten. Schon lange glaubte niemand mehr daran, daß wir noch am Leben sein könnten. Aber wir lebten eben doch noch, und jeder von uns hatte das Bestreben, weiter zu leben. Jeder von uns wollte hier heraus und versuchen, eine Rettung zu finden.

Nacheinander waren sie losgezogen und wir, die Zurückbleibenden warteten. Voller Hoffnung, voller Angst. Und dann hörten wir sie schreien. Den Einen früher, den Anderen später. Manchen schon nach Minuten, Andere erst nach Stunden. Aber sie schrieen. Alle!   

Ich habe es immer mit Grauen gehört, und auch die, die anfangs noch bei mir waren, zuckten zusammen. Jeder dieser Schreie war ein bißchen anders. Der Eine schrie hysterisch, der Andere eher schmerzlich. Aber immer verklang der Schrei in einer Art und Weise, die keinen Zweifel darüber zuließ, daß jemand, der so schreit nicht mehr zurückkommt.

Und nun hat auch er geschrieen, und ich bin alleine.
Es war eine sehr schlechte Idee, ausgerechnet hier Zuflucht zu suchen. Irgend etwas ist hier; und irgend etwas muß geschehen, bevor die Lebensmittelvorräte zu Ende gehen.
Was erwartet mich wohl noch hier? Werde ich verhungern? Vielleicht habe ich ja Glück und drehe vorher noch durch.
So etwas wie Neugierde ergreift mich. Ich hätte nicht gedacht, daß ich in einer solchen Situation so etwas wie Neugierde empfinden könnte. Vielleicht bin ich ja schon auf dem besten Weg zum Wahnsinn und merke es bloß noch nicht.
Seltsam, wenn man ahnt, daß man stirbt, daß man bald stirbt, dann ist es einem egal, was nach dem Tod kommt. Man will nur noch wissen, wie das Ende selbst ist.

Ich nehme mir vor, nicht zu schreien. Ich weiß, daß ich ja doch irgendwann hinausgehe in die Gänge um nach einem Ausgang zu suchen. Ich sollte das tun, bevor mich die Willenskraft verläßt. Warum also nicht sofort?

Mein Blick streift die letzten Vorräte. Besonders frisch sind sie nicht, aber wählerisch bin ich schon seit langem nicht mehr. Essen ist hier längst kein kulinarischer Genuß mehr, sondern nur noch eine lebenswichtige Funktion. Oh, wie lächerlich. Für mich gibt es gar keine lebenswichtige Funktion mehr, wo ich doch schon bald sterben werden. Allerdings sehr wahrscheinlich nicht am Hunger!

Ich greife zu den letzten Waffen, die noch hier sind. Zwei stumpfe Messer, eines davon hoffnungslos verbogen. Auf Proviant verzichte ich. Entweder ich finde sehr bald einen Ausgang, oder... – oder eben nicht.

Ich trete aus der vertrauten Höhle heraus und schon trifft mich ein kalter Luftzug. Wenn das nicht ein gutes Zeichen ist! Ich taste mich an einer kühlen Wand entlang. Die ersten Schritte gehe ich noch zögernd, aber dann weiß ich, daß es kein Zurück mehr gibt. Die erste Biegung des Ganges liegt schon hinter mir. Vor mir eine Abzweigung. Ich überlege nicht lange und gehe rechts herum.

Da
! Fast wäre ich gestolpert. Ein Felsbrocken liegt mitten im Weg. Pfeifend entweicht die Luft aus meinen Lungen. Ein Felsbrocken, was habe ich denn sonst erwartet?

Wenn man nur etwas sehen könnte in dieser Dunkelheit. Ich denke darüber nach, wie viele der Anderen wohl hier entlang gegangen sein mögen. Vielleicht bin ich ja der erste, der hier entlanggeht. Diese Spekulationen sind einfach sinnlos. Ich sollte damit aufhören. Aber was soll man sonst tun, wenn man seinem Tod entgegengeht? Tue ich denn gerade etwas anderes?
Leider war ich schon immer ein Realist!
Der Gang wird immer enger, aber nach einer weiteren Abzweigung erschein er wieder geräumiger.
War da nicht ein Geräusch? Ich bleibe stehen, halte den Atem an. Nichts! Das Blut rauscht in meinen Ohren. Das Herz schlägt. – Noch! Wie beruhigend.

Ich gehe weiter. Was ich höre ist das Echo meiner Schritte. In dieser Stiller erscheinen sie ohrenbetäubend laut, geradezu störend. Also versuche ich, meine Schritte zu dämpfen und schleiche staksig weiter.
Etwas schnauft hier! Nach einer Schrecksekunde stelle ich fest, daß ich das bin und lache kurz auf. „Haha!“
„ Haha“ sagt das Echo, und ich gehe weiter. Was soll ich sonst tun?

Wie lange gehe ich jetzt schon? Wahrscheinlich sind es erst einige Minuten. Ich wähle meinen Weg zufällig. Willkürlich gehe ich mal rechts, dann wieder links. So will ich vermeiden, im Kreis zu gehen. Die Orientierung zu behalten habe ich erst gar nicht versucht.

Doch
! – Jetzt ist da aber bestimmt ein Geräusch gewesen. Ich bleibe stehen, und es verhallt. Doch als ich weiter gehe, glaube ich plötzlich, Schritte hinter mir zu hören. Taptaptap! Viel schneller als meine. Heftig drehe ich mich herum. Ein Schatten verschwindet.
„Hallo?“ Meine Stimme zittert. Genauso zitterig, aber viel schauerlicher wird sie mehrfach zurückgeworfen. „Hallo-lo-lo.“ In meinem Magen ballt sich ein Kloß zusammen. Ich versuche, ganz ruhig weiterzugehen, drehe mich aber ständig herum. Ich bemerke, daß ich die Augen weit aufreiße, um besser sehen zu können.

Flatterte nicht etwas? War da nicht ein Geräusch? Streifte da nicht etwas meinen Arm? Quatsch! Alles Einbildung! Ich gehe weiter, lauschend, spähend, angespannt.

Doch! Da! Da war doch etwas oder?
Aber nein, mir wird schon etwas von meinen überstrapazierten Nerven vorgegaukelt. Ruhe bewahren! Langsam weitergehen!

Da
! Natürlich ist da etwas. Ich beginne, schneller zu laufen und stolpere prompt. Während ich mich wieder aufrappele, ergreift mich die Panik. Ich stürze wild los und renne ständig gegen Steine. Vor meinen Augen flimmert es nur noch.
Etwas zischt. Ich renne –
Nein, ich renne nicht mehr. Meine Füße berühren den Boden nicht mehr. Etwas hält mich fest. Kälte durchdringt mich. In meinem Kopf nur noch Chaos.
Ich öffne die Augen, erstarre, und –




ich schreie.