Es ist schon so oft passiert: Da sitzen wir abends in
trauter Zweisamkeit vor dem Fernseher und sind im Grunde glücklich und rundum
zufrieden. - Bis zum ersten Werbeblock.
Ab der dritten Großaufnahme einer Süßigkeit kann auch mein Mann meinen Magen
knurren hören. Noch glaube ich selbst, alles sei in bester Ordnung.
Schließlich haben wir gut zu abend gegessen. Es ist also völlig unmöglich,
daß ich Hunger habe. Oder??? Als es endlich mit dem Film weitergeht,
verschwindet das leichte Unbehagen wieder, und ich werde durch den Krimi
ausreichend abgelenkt.
Der zweite Werbeblock beginnt mit einem Spot, den sie nicht ganz zwanzig Minuten
vorher schon einmal gezeigt haben. Sofort werde ich wieder unruhig. So ein
kleines bißchen Schokolade könnte ich ja schon noch vertragen. Nun schweben
Kekse über den Bildschirm, gefolgt von einer lila Kuh. Mein Mann seufzt
verhalten. Als es um die dritte Knabberei geht, setzt er sich resulut auf und
stellt fest, daß wir ja wirklich genug gegessen haben. Jetzt wiederholt sich
die Werbung auch schon innerhalb von einem Block. Helle Empörung auf dem Sofa.
Zum Glück geht es weiter mit dem Krimi. Diesmal allerdings ist eine leichte
Unruhe zurückgeblieben.
Als der Kommissar seinem Partner einen Schokoriegel anbietet, stöhne ich
gequält auf. Meine Hand krallt sich in den Oberschenkel meines Mannes, der mir
einen strengen Blick zuwirft. Inzwischen bin ich mir ganz sicher: ich habe
Hunger. Es geht nicht darum, mir noch eine Scheibe Brot zu schmieren. Ich
brauche etwas Süßes, und zwar ziemlich konkret eines der gezeigten
Produkte.
Der dritte Werbeblock. Wie ist der Spot mit der Krankenversicherung dazwischen
geraten? Panisch erwarte ich das Unausweichliche. Das Produkt meiner Begierde -
in Großaufnahme - verschwindet im tadellos geschminkten Mund einer Frau mit
Idealfigur. Genüßlich schließt sie die Augen, während die meinen immer
größer werden. Weniger als fünf Minuten später wiederholt sich das Bild. In
mir tobt fast der Wahnsinn. Ich muß dieses Zeug haben, ich muß einfach. So
ähnlich muß sich Rapunzels Mutter gefühlt haben. Die Kräuter aus Nachbars
Garten oder sterben - Keks oder krepieren! Flehend schaue ich zu meinem Mann
auf. Der wirkt zwar etwas verunsichert, lehnt sich dann aber resolut zurück und
schüttelt den Kopf. "Wäre ja das Letzte, wegen so einer blöden
Werbung... Du glaubst doch nicht etwa, daß ich jetzt noch..."
Zum Glück, der Krimi geht weiter, verschiedene Beteiligte verstricken sich in
Widersprüche, ein Motiv hätten sie alle gehabt. Einmal sitzen zwei Freundinnen
bei Kaffee und Kuchen. Seit dieser Stelle zuckt mein linkes Augenlid. Dann der
vierte Werbeblock: Lila Rindvieh und dann verschwindet wieder ein Leckerli im
bereits hinreichend bekannten Model. Mir ist bereits schwindelig.
Randfeldflimmern warnt vor einer drohenden Ohnmacht. Da - mein Mann springt
fluchend vom Sofa auf. Aggressiv reißt er seine Jacke von der Garderobe. Mein
Mantel, der dabei ebenfalls zu Boden geht, bleibt liegen, als er türenschlagend
das Haus verläßt.
Zehn Minuten später haben wir beide den Mund voll. Zellophan liegt zerrissen am
Boden. Jeder studiert interessiert kauend die Zutaten auf seiner Schachtel. Wir
stöhnen vor Wonne und stopfen uns ein Stück nach dem anderen in den Mund. Als
die Werbung wieder über den Bildschirm flimmert, zeige ich dem Model den
erhobenen Mittelfinger, während mein Mann die erste leere Schachtel nach dem
Fernsehapparat wirft.
Na, was haben wir denn da noch? Wir beglückwünschen uns gegenseitig, daß es
jetzt diese Tankstellen gibt, die quasi rund um die Uhr zur Verfügung stehen.
Und dieses Sortiment! Wir tauschen und diskutieren die Vorzüge der Produkte.
Elegant schnippse ich ein paar Krümel von der Couch. "Wisch dir mal die
Schokolade aus dem Mundwinkel!" Mein Mann muß ganz still sein. Bei dem
klebt die Haselnußcreme sogar schon an der Nase. Erschrocken drehe ich mich
herum als ich die Musik höre, die den Abspann der Krimiserie begleitet.
Vorbei!
Wer war der Mörder??? Mein Mann weiß es auch nicht. Darauf noch einen Keks!