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"Hau doch ab, du Schlampe!"
Wilma hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Das Schreien aus der
Nachbarwohnung wurde noch lauter.
"Verpiß dich zu deinen Eltern. Und nimm deinen Scheißdreck
mit." Sie hörte ein Poltern und ganz leise im Hintergrund ein
Schluchzen. Jemand warf mit Gegenständen. Immerhin klang es nicht so, als
würde der Nachbar seine Frau verprügeln. Noch nicht.
Es war nicht das erste Mal, daß Wilma eine dieser Auseinandersetzungen
mitbekam. Alle paar Wochen brach nebenan die Hölle los. Eigentlich hatte
sie nie vorgehabt zu lauschen. Das gehörte sich nicht. Aber Herrn Sulzers
Gebrüll drang problemlos zur ihr durch. Und das waren nun wirklich Dinge,
die sie gar nicht mithören wollte. Es ging oft um eheliche Pflichten. So
hätte es Wilma jedenfalls ausgedrückt. Herr Sulzer benutzte dafür zwar
eine kürzere Formulierung, die jedoch gehörte nur zu Wilmas passivem
Wortschatz. Frau Sulzer wollte wohl nicht so recht wie ihr Mann. Oft genug
hatte Herr Sulzer deshalb seine Frau im Laufe des Streits verprügelt und
manchmal war die junge Frau danach ein paar Tage verschwunden. Wilma
fragte sich oft, wohin sie wohl flüchtete. Vor allem hätte es sie
brennend interessiert, weshalb sie immer wieder zurückkehrte.
"So einer ändert sich nicht, nie und nimmer nicht!" Wilma
wußte, wovon sie sprach. Friedrich hatte auch zu solchen Ausbrüchen
geneigt. Besonders, wenn er angetrunken von der Skatrunde zurückkam. Wenn
sie merkte, daß ihr Mann paar Schnäpse zuviel intus hatte, war sie so
vorsichtig wie nur möglich. Aber irgendwas hatte der vom Schnaps
aggressive Friedrich immer gefunden. Ernsthaft verletzt hatte er sie
allerdings nie. Dazu war seine Wut zu ungezielt gewesen. Wenn sie wirklich
ein paar Schrammen abbekommen hatte, war sie tagelang nicht aus dem Haus
gegangen. So war das damals gewesen. Aber das junge Ding von nebenan, die
hatte wohl bessere Möglichkeiten. Es gab doch Frauenhäuser heutzutage.
Wilma hatte das oft genug im Fernsehen gesehen.
"Wenn es sowas damals gegeben hätte, da wäre ich hingegangen."
Wilma nickte vor sich hin.
Aus der Nachbarwohnung ertönte ein Schrei.
"Verprügelt er sie also doch! Herrgott noch mal, ändert sich denn
gar nichts?"
"Mach daß du endlich rauskommst, du Fotze. Selbst zum Ficken bist Du
zu blöd."
Wilma zuckte zusammen und kniff die Augen zu. Solche Ausdrücke? Also
Nein!
Jetzt hörte man die Eingangstür der Nachbarwohnung schlagen. Frau Sulzer
hatte die Flucht angetreten. Wilma schob die Gardine ihrer Balkontür
beiseite und sah die zierliche junge Frau aus dem Haus rennen. Die alte
Dame mußte sich ein bißchen den Hals verrenken, um an ihren
Geranienkästen vorbei die Straße zu überblicken. Die Haare wehten der
Flüchtenden um den Kopf. Über einer Schulter hatte sie den Gurt eines
Rucksackes, auf dem anderen Arm ihren kleinen Sohn. "Das arme
Kind!" Wilma hatte auch oft ihre Tochter vor dem tobenden Vater in
Sicherheit gebracht. Später hatte sie der Kleinen eingetrichtert, in
ihrem Zimmer zu bleiben, wenn der Papa brüllend durch die Wohnung
stampfte.
Frau Sulzer stieg am Ende der Straße in den Bus und Wilma ließ den
Vorhang fallen.
Am nächsten Tag hörte sie gegen 11 Uhr morgens, wie jemand die Tür zur
Nachbarwohnung aufschloß. Ohne etwas gegen den Impuls tun zu können,
öffnete sie ihre eigene Wohnungstüre. Erschrocken drehte Frau Sulzer
sich zu ihr um. Unter ihren Augen lagen tiefe Ringe und sie war zum
Fürchten blaß. Das Kind stand neben ihr und wirkte irgendwie traurig.
"Frau Sulzer, ich..." Wilma stockte.
'Tja, was?' dachte sie. Sie war erschrocken über ihren eigenen Mut. Nun
stand sie da, und wußte nicht mehr weiter.
"Ja?" Die junge Nachbarin wirkte ebenso erschrocken. Jeden
Moment würde sie in ihre Wohnung flüchten.
Wilma schluckte, um ihre trockene Kehle anzufeuchten. Trotzdem krächzte
sie ein bißchen, als sie weitersprach.
"Ich möchte gerne mal mit ihnen reden. Kommen sie doch auf einen
Kaffee rein." Sie sah die Ablehnung in den Augen der Anderen.
Plötzlich wollte sie alles daran setzen, mit dieser Frau zu sprechen.
Einmal im Leben wirklich etwas tun! Nicht immer nur denken: "Man
müßte, man sollte..." Aber es war schwerer als sie gedacht hatte.
"Bitte, Frau Sulzer. Machen sie mir die Freude. Und für den Kleinen
hab ich auch Kekse." Sie flehte die Frau geradezu an.
"Tun sie mir den Gefallen. Nur ein Viertelstündchen!"
Frau Sulzer seufzte und hob den Rucksack auf. Zögernd kam sie auf die
Wohnungstüre zu. Wilma atmete auf und öffnete die Tür so weit, als
wollte sie einen Möbelträger samt Klavier hereinlassen.
Ein paar Minuten später stellte sie dampfenden Kaffee vor die junge Frau,
die immer noch etwas verwirrt schaute. Immerhin lehnte sie sich in einem
von Wilmas altmodischen Sesseln zurück und aß und ein Plätzchen.
Der Kleine hockte auf dem Boden, lutschte ebenfalls zufrieden an einem
Keks und zerfledderte eine alte Fernsehzeitung.
Als Wilma sich ihr gegenüber niederließ, schaute die junge Mutter sie
fragend an.
"Kindchen," fing Wilma an und dachte sofort: Wie kann ich sie
nur Kindchen nennen, das wird sie mir übel nehmen. Aber die Frau schaute
sie nur weiter an, wie ein hypnotisiertes Kaninchen. Wilma suchte
verzweifelt nach Worten. Sie holte nochmals tief Luft.
"Sie wissen ja, daß die Wände hier sehr hellhörig sind." Die
Augen von Frau Sulzer weiteten sich kurz und dann schossen Tränen hervor.
"Es tut mir so leid, Frau Wieske, wir wollten sie bestimmt nicht
stören..."
"Herrgott noch mal, Kindchen..." Wieder hatte sie 'Kindchen'
gesagt. Der Kleine schaute von seiner Zeitung hoch. Wilma merkte, daß
ihre Stimme etwas zu poltern begann.
"Jetzt hören sie mir mal gut zu!"
Frau Sulzer schrumpfte in ihrem Sessel zusammen.
"Es ist mir doch egal, ob sie abends um 11 da drüben Krach haben.
Ich kann sowieso nicht schlafen. Aber was da gebrüllt wird, das ist mir
nicht egal." Wilma redete sich in Rage. Das Kind schaute sie mit
großen Augen an, den aufgeweichten Keks im Mund.
"Dieser Mann!" Wilma merkte, daß sie zu schnaufen begann.
"Wieso lassen sie sich denn das bieten? Warum kommen sie denn immer
wieder zurück, zu so einem... einem...?" Ihr fielen keine Worte mehr
dazu ein.
Die kleine Frau Sulzer saß regungslos in dem geblümten Sessel. Durch
ihre halbgeöffneten Lippen sah man ein paar Krümel. In diesem Moment sah
sie ihrem kleinen Sohn erstaunlich ähnlich. Das laute Gespräch
erschreckte ihn.
"Mama?" Wilma drückte dem Kind noch einen Keks in die Hand und
sagte bestimmt:
"Du liest weiter Zeitung, ich muß mit deiner Mama reden, ja?"
Erstaunlicherweise steckte das Kind einfach den Keks in den Mund und
blätterte weiter in dem bunten Heft. Wilma wendete sich wieder seiner
Mutter zu. Sie atmete tief durch und hoffte, daß ihre Stimme ruhiger
klingen würde.
"Wieso lassen sie sich denn nicht scheiden? Das geht doch heute so
einfach. Und dann soll dieser, dieser..." Sie schnappte wieder nach
Luft. Für Herrn Sulzer fiel ihr einfach keine angemessene Bezeichnung
ein. "Lassen sie ihn Unterhalt zahlen." Frau Sulzer schüttelte
den Kopf. "Das geht nicht. Wir haben einen Ehevertrag. Er hat gesagt,
das macht man heutzutage so." Wilma runzelte die Stirn. "Aber
wieso denn?" Die kleine blonde Frau schaute in ihre Kaffeetasse und
zuckte die Schultern.
"Ich hab doch damals nicht an sowas gedacht."
Scheppernd knallte Wilmas Tasse auf den Unterteller.
"Aber ihr Mann! An genau sowas hat der gedacht. Herrgott noch
mal!"
Frau Sulzer schaute immer noch in ihre Tasse, als gäbe es da drinnen
etwas interessantes zu sehen.
"Ich weiß auch überhaupt nicht, wohin. Ich fahre immer zu meiner
Schwester, aber die hat selbst genug Probleme."
Ihre Stimme klang piepsig.
"Es ist alles so, so..." Sie schlang ihre Arme um das Kind, das
auf ihren Schoß geklettert war und weinte heftig. Wilma gab der jungen
Frau ein Taschentuch und wartete, bis diese sich wieder beruhigt hatte.
Dann drückte sie dem Kleinen einen Bleistift in die Hand, mit dem er
begeistert in der ziemlich mitgenommenen Zeitung herumkritzelte. Aber er
schaute immer wieder prüfend zu den beiden Erwachsenen auf.
"Jetzt erzähl ich ihnen mal was, Kindchen. - Ach Gott, ich sollte
sie nicht Kindchen nennen. Meine Tochter mag das auch nicht."
"Claudia, sie können mich Claudia nennen." schniefte Frau
Sulzer.
"Und ich heiße Wilma." "Wilma" wiederholte die
Jüngere und schneuzte sich die Nase "Wilma Wieske".
Die alte Dame lächelte etwas.
"Ich weiß, mit dem Namen hätte ich Filmstar werden können, nur mit
der Figur..." Und sie strich an ihren breiten Hüften entlang. Nun
lächelten beide. Wilma lehnte sich in ihrem Sessel zurück.
"Wissen sie, ich hatte auch so einen" sie zögerte kurz
"- so einen Mann. Mein Friedrich trank öfter mal Einen. Und wenn er
nach Haus kam, suchte er Streit." Wilma war erstaunt, wie sachlich
sie über diese furchtbare Zeit erzählen konnte.
"Und er hat manchmal alles kurz und klein geschlagen was er in die
Finger bekam. Tja, und gelegentlich bekam er auch mich in die
Finger." Mechanisch goß sie Kaffee nach. Claudia schloß die Hände
um ihre Kaffeetasse, als müsse sie sich daran wärmen. Sie schien mehr
hören zu wollen.
"Wissen sie, das waren böse Zeiten damals nach dem Krieg. Da konnte
man auch nicht so einfach auf und davon. Schon gar nicht mit einem kleinen
Kind. Und Arbeit hätte ich auch so leicht nicht gefunden. Wir waren ja
schon froh, daß Friedrich so gut untergekommen war." Wilma
schlürfte mit Wohlbehagen ihren Kaffee und lehnte sich noch etwas
bequemer im Sofa zurück.
"Und für mich gabs auch keinen Unterschlupf."
Sie nickte und trank noch einen Schluck Kaffee. Als sie eine Weile
schweigsam dagesessen hatten, fragte Claudia "Und was haben sie
gemacht?"
Wilma zuckte zusammen. Sie war mit ihren Erinnerungen ganz weit weg
gewesen.
"Ich? Glück gehabt habe ich, verdammtes Glück." Sie lachte
rauh. Claudia lächelte leicht und nahm sich noch ein Plätzchen.
"Was ist denn passiert?"
"Mein Friedrich, der arbeitete auf dem Bau. Verdiente richtig gutes
Geld. Es hätte uns blendend gehen können, wenn er nicht das meiste
versoffen hätte." Wilma versank wieder in ihren Erinnerungen.
"Und dann?" Die Stimme ihrer Nachbarin holte sie wieder zurück.
"Eines Tages riß ein Seilzug an so einer Winde. Da hing ein
Dachträger dran. Sehr groß und sehr schwer. Der Friedrich stand direkt
drunter. Es war wohl -" Wilma holte tief Luft. "Sagen wir mal
so: Sie haben mir erspart, ihn zu identifizieren, weil es so, so
...gründlich war."
Claudia Sulzer umfaßte die Kaffeetasse etwas fester und schauderte.
"Und dann waren sie Witwe?"
"Jawoll, und mit einem kleinen Kind wäre das normalerweise kein
Zuckerschlecken gewesen. Die Witwenrente war quasi nicht der Rede wert.
Aber..." Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und nahm noch einen
Schluck Kaffee, den sie genüßlich ihre Kehle hinuntergleiten ließ.
"Friedrich hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen. Das war
ungewöhnlich für die Zeit. Vielleicht hatte er sie sich sogar im Suff
aufschwätzen lassen. Für die damaligen Verhältnisse bekam ich eine
unglaubliche Summe ausgezahlt. Davon lebte ich erst mal. Und als die
Kleine aus dem Gröbsten draußen war, da wurde ich Sekretärin in der
Schule." Wilma lehnte sich behaglich zurück.
"Und alle mampften friedlich und mit vollen Backen." Sie legte
den Kopf schräg und lächelte.
"Was macht denn ihr Mann so beruflich?" Die junge Frau, die dem
friedlich kritzelnden Jungen zugeschaut hatte, schrak auf.
"Was?" Wilma wiederholte ihre Frage.
"Was ihr Mann beruflich macht. Ist es gefährlich?"
Claudia schien sie nicht zu verstehen. "Oh nein, er ist Betriebswirt,
ein reiner Bürojob." Jetzt erst schien sie die Bedeutung der Frage
zu begreifen und stellte erschrocken ihre Tasse ab. Der Kaffee schwappte
gefährlich.
"Also nein, hören sie mal!"
Wilma beugte sich nach vorne und schaute ihr fest in die Augen.
"Haben sie wirklich noch nie gedacht, daß es besser für sie wäre,
wenn er...?" Sie schwieg bedeutungsvoll. "Besser für Sie und
das Kind? Wie lange geht das noch so? Irgendwann kriegt der Kleine
womöglich auch was ab." Sie schauten beide dem kleinen Jungen an.
Dann antwortete Claudia zögernd. "Gedacht habe ich das schon, aber
was soll ihm schon passieren - außer mit dem Auto oder so. Er fährt
manchmal sehr rücksichtslos." Wilma nickte. Sie kannte den
aggressiven Klang des roten Audi gut. Der Parkplatz der Sulzers war
schließlich direkt unter ihrem Wohnzimmerfenster.
Oft genug hatte sie sich über die quietschenden Reifen und die
rücksichtslos knallenden Autotüren geärgert. Die junge Frau starrte
eine Weile vor sich hin.
"Aber eine hohe Lebensversicherung hat er auch. Wegen der Steuer,
oder so." Frau Sulzer schien plötzlich erschrocken über ihre
eigenen Gedanken. Sie sprang auf.
"Hören Sie Wilma, ich muß jetzt wieder rüber und mich um den
Haushalt kümmern. Vielen Dank für den Kaffee."
Wilma winkte ab. "Ach Quatsch! Und wenn mal wieder was ist, diese
Tür steht ihnen jederzeit offen."
Als die junge Frau in ihrer Wohnung verschwunden war, starrte Wilma noch
lange aus dem Fenster.
Schon ein paar Tage später mußte Claudia von ihrem Angebot Gebrauch
machen.
Wilma schreckte von ihrem Buch auf, als sie wieder Lärm von nebenan
hörte.
"Was bildest du Dir eigentlich ein, du mieses Stück Dreck?"
Wilma richtete sich in ihrem Sessel auf. Kurz darauf hörte sie lautes
Gepolter und einen Schmerzensschrei - Frau Sulzer.
"Um Gottes Willen!" murmelte Wilma und ging, so schnell sie
konnte, zur Tür. Als sie sie endlich entriegelt hatte, war Claudia schon
fast am Aufzug.
"He, wo wollen sie denn hin?" flüsterte Wilma hinter ihr her.
Zum Glück hörte die junge Frau sie. Sie war noch nicht einmal richtig
angezogen. Wilma zog sie an der Hand in ihre Wohnung. "Wollen sie so
auf die Straße?" Als Claudia den Kopf senkte, um an sich
herunterzuschauen, entfuhr es Wilma: "Herrgott, was ist das
denn?" Zwischen den zerzausten blonden Strähnen sickerte Blut
hervor.
"Das waren die Schuhe, die ich mir gekauft habe. Sie haben ihm nicht
gefallen und zu teuer waren sie auch. Da hat er damit nach mir
geworfen." In Wilma brodelte es.
"Na wunderbar!" polterte sie "Schön, daß sie keinen
Fernsehapparat gekauft haben, dann sähen sie jetzt schlimmer aus. Also so
was! Langsam müssen sie wirklich was unternehmen."
Claudia schluchzte vor sich hin.
"Es wird immer schlimmer. Normalerweise ist am nächsten Tag wieder
alles in Ordnung und das mindestens für ein paar Wochen, aber
jetzt..." Sie bückte sich zu dem Kind, das verstört ihre Beine
umklammerte und drückte es an sich. "Wenn der Kleine nicht
wäre..." Sie schniefte "Wissen sie, manchmal denke ich, es
wäre besser, wenn ich tot wäre."
Wilma blies die Backen auf.
"Stop, stop, stop! Jetzt mal halblang! Wenn hier jemand besser tot
wäre..." Sie seufzte "Aber das hatten wir ja schon.
Betriebswirt, so ein ungünstiger Beruf." Sie schüttelte den Kopf.
"So, sie kommen jetzt erst mal mit ins Bad, und wir sehen, was wir
für ihren armen Schädel tun können. Und du..." Sie setzte das Kind
auf ihren Fernsehsessel und schaltete den Fernsehapparat ein. "Du
guckst jetzt Sesamstraße. Eigentlich halte ich ja gar nichts von Kindern
vor der Kiste." grummelte sie. "Aber heute muß es mal
sein!" Dann griff sie noch nach ihrer Keksdose und drückte dem
Jungen ein Waffelröllchen in die Hand. "Bist ja ein pflegeleichtes
Kerlchen," murmelte sie und strich dem Kind über den Kopf.
Dann ging sie hinaus und schob Claudia ins Bad, wo sie die kleine
Platzwunde versorgte. Dabei brummte sie die ganze Zeit vor sich hin.
Sie saßen noch bis nach Mitternacht in der Küche und redeten über die
Möglichkeiten, die Claudia hätte. Aber die kam immer nur zu einem
Schluß: Es gab keinen Ausweg.
Als Mutter und Kind dann im Wohnzimmer auf der ausgeklappten Couch
schliefen, wälzte Wilma sich noch lange in ihrem Bett herum. Es mußte
doch einen Weg geben, dieser armen Frau zu helfen. Wilma hatte plötzlich
das Gefühl, daß sie ein einziges Mal in ihrem Leben etwas tun müßte,
das auch Konsequenzen hatte. Einmal etwas zum Guten verändern und nicht
immer nur zuschauen. Mit wirren Bildern von einem Mann auf einer Baustelle
im Kopf schlief sie ein.
Sie wachte von der knallenden Fahrertür des Audi auf. Langsam fiel ihr
wieder ein, daß sie ja Gäste hatte und warum.
Daraufhin sendete sie dem aufheulenden Motor noch einen Fluch nach und
machte sich auf den Weg ins Bad.
Als sie fertig angezogen war, kam Claudia gerade zerknittert aus dem
Wohnzimmer. "Danke für das Asyl, Wilma, aber ich gehe lieber wieder
nach drüben. Er ist ja jetzt weg."
Wilma schüttelte den Kopf. "Sie wollen wirklich wieder da
rüber?"
"Heute abend hat er es sicher vergessen und vielleicht schaffe ich es
ja ein paar Wochen, ihn nicht unnötig zu reizen. Nochmals danke für
alles." Und dann verschwand sie mit dem Kleinen an der Hand in Ihrer
Wohnung.
"Schade, daß man heute fast jedes Gift nachweisen kann, sehr
schade!" zischte Wilma, als sie die Tür hinter der zierlichen
Gestalt geschlossen hatte.
Am späten Nachmittag zupfte Wilma gerade die abgeblühten Geranienköpfe
aus ihrem Blumenkasten, als der rote Audi mit quietschenden Reifen auf den
Parkplatz fuhr. Ohne nachzudenken beugte sie sich über den Betonkasten,
um einen Blick auf den Nachbarn zu werfen. Hoffentlich hatte Claudia recht
und er war wieder einigermaßen zurechnungsfähig. Erschrocken zuckte
Wilma zurück, als der riesige Betonblumenkasten sich knirschend bewegte.
Sie hatte die Hausverwaltung schon mehrfach angerufen, da das schwere Ding
nicht mehr sicher stand. Und ständig bröckelte der Putz an den Rändern.
Wilma hörte den unnötig lauten Knall der Fahrertür. Vorsichtig lehnte
sie sich wieder über die Blumen. Jetzt ging Herr Sulzer um den Wagen
herum und holte seinen Aktenkoffer aus dem Kofferraum. Er stand
unmittelbar unter ihrem Balkon. Wilma neigte sich wieder nach vorne um
einen Blick auf sein Gesicht erhaschen zu können. Aber dazu mußte sie
sich noch weiter nach vorne beugen und ihr fülliger Leib drückte gegen
den Blumenkasten. Der rutschte hörbar weiter. Jetzt schloß Herr Sulzer
gerade den Kofferraumdeckel. Der Blumenkasten bewegte sich noch etwas nach
vorne. Jetzt ragte er schon ein ganzes Stück über die Balkonbrüstung
hinaus.
"Ich bin eine alte einsame Frau, die furchtbar neugierig ist."
murmelte Wilma vor sich hin. "Neugierig und..." Sie ging einen
Schritt zurück und ließ sich nach vorne in Richtung der roten Blüten
fallen. "...schrecklich ungeschickt." Der Kasten stand auf der
Kippe. Sie ging einen Schritt zurück. Als sie sich wieder mit Schwung
nach vorne beugte, war Herr Sulzer gerade dabei, in Richtung Eingang zu
gehen. Gleich würde er in Sicherheit sein!
"Herr Sulzer!" Der Mann mit dem grimmigen Gesicht blieb bei dem
alarmierten Schrei der alten Dame verblüfft stehen und schaute nach oben.
Das letzte was er sah, war etwas sehr, sehr großes, grau-rotes, das auf
ihn zustürzte.

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